Die Wissenschaft forscht intensiv zu diesem Thema (Stichwort: gender
studies). In der Literatur finden sich zahllose Ratgeber, die Mann
respektive Frau eine Bedienungsanleitung für das unbekannte, unverstandene
Gegenüber anbieten (seit Wochen stehen die aktuellen Ratgeber von Allan &
Barbara Pease etwa "Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen"
oder "Warum Männer schlecht zuhören und Frauen schlecht einparken" in den
Bestsellerlisten des Spiegel). Alle geben sie vor, die ganze Wahrheit über
die kleinen aber feinen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu kennen. Und
all diese Bemühungen tragen nur dazu bei, dass am Ende alle/viele Fragen
offen bleiben. Nein, ich verspreche Ihnen nun nicht die Beantwortung all
dieser Fragen, das Aufklären der Geschlechtsunterschiede. Aber ich möchte
mich im Folgenden mit den Unterschieden (und den daraus entstehenden
Schwierigkeiten) bei sportlicher Betätigung beschäftigen und so für etwas
mehr gegenseitiges Verständnis werben:
Frauen und Sport
Wie ist nun die Frau an sich beim Sport? Da kann man(n) sich mit seinen
Aussagen nur in die Nesseln setzen. Deshalb halte ich mich mit eigenen
Beobachtungen zurück und trage zunächst lediglich Ergebnisse einiger
Untersuchungen zusammen (in dem Bewusstsein, dass auch darin die Gefahr
pauschaler Urteile lauert): Forscher haben herausgefunden, dass sich Frauen
im Schnitt gesünder ernähren. Sie treiben Sport aus anderen Motiven als
Männer dies tun.
Machen wir einen kurzen Exkurs und betrachten mal verschiedene Motive, die
dazu führen können, dass jemand sportlich aktiv wird. Hier kann man grob
a) psychologische (die Erhöhung des Selbstbewusstseins, das Bewältigen von
Stress),
b) körperliche (Förderung der Gesundheit, Kontrolle/Senkung des
Körpergewichts),
c) soziale (Geselligkeit, Anerkennung von anderen) und
d) leistungsorientierte (das Erreichen persönlicher Ziele, den Vergleich
mit anderen)
Motive unterscheiden.
Bei Frauen steht eher der Spaß am Sport im Vordergrund (Schwitzen wird, so
einschlägige Internetseiten, teilweise als unangenehme Begleiterscheinung
angesehen); ihnen ist ihr Aussehen, ihre Figur wichtig. Dazu sollte ein
kommunikativer Aspekt kommen. Hier wird also verstärkt aufgrund körperlicher
und sozialer Motive Sport betrieben.
Männer und Sport
Wie ist der Mann an sich beim Sporttreiben? Hier verfüge ich schon über mehr
Expertise, mittlerweile langjährige Erfahrung. Und dennoch können auch hier
nur Aussagen getätigt werden, die lediglich für den statistischen Großteil
der männlichen Bevölkerung gelten: Männer tendieren dazu, Sport als
Wettkampf zu betrachten, dort schweißtropfend ihren Ehrgeiz auszuleben. Das
leistungsorientierte Denken ist hier viel stärker ausgeprägt. Auch
psychologische Motive (das Bewältigen von Stress) kommen beim männlichen
Teil der Bevölkerung stärker zum Tragen.
Neben psychologisch interessanten Unterschieden gibt es natürlich
anatomische und physiologische Merkmale, die Differenzen beim sportlichen
Leistungsvermögen begründen: Herz und Lungen sind beim Mann stärker
entwickelt. Somit ist das Atemvolumen größer und der Blutkreislauf arbeitet
effektiver. Dazu kommt, dass das Blutvolumen pro kg Körpergewicht, die Zahl
der roten Blutkörperchen, höher ist. Als Folge davon ist die Versorgung mit
Sauerstoff und Nährstoffen beim Mann für seinen im Allgemeinen aufwändigeren
Stoffwechsel gewährleistet. Männer haben somit auch einen höheren
Nahrungsbedarf (brauchen mehr Kalorien).
Worin die gravierenden Unterschiede bestehen
Jungs treiben in der Jugend mehr Sport (im Alter von 16-24), Frauen sind
zwischen 25 und 44 am aktivsten. Dass man in jungen Jahren mehr Knaben in
Sportvereinen findet, hat mit überlieferter Sozialisation zu tun. In keinem
Alter wird die Trennung der Geschlechter so forciert wie in der Kindheit.
Hier werden die sozialen Rollen erlernt. Der (zukünftige) Mann hat stark und
hart zu sein, die (zukünftige) Frau weich und häuslich. Klingt altbacken und
überholt? Ist es sicherlich auch und dennoch als Rollenmodell in der
Gesellschaft noch immer wirksam! Diese erziehungsbedingten Unterschiede
lösen sich später auf. Dennoch gibt es noch interessante Zusammenhänge:
Höherer Bildungsstand bedeutet bei Frauen mehr Aktivität (bei beiden
Geschlechtern korreliert die Ausbildung positiv mit der Häufigkeit des
Sporttreibens). Weiterhin gibt es einen lineareren Zusammenhang mit dem
sozialem Netzwerk: Bei stärkerem Netzwerk, mehr sozialen Kontakten, steigt
die Bewegung (und wohl auch wieder die Vernetzung mit anderen!). Ebenfalls
wurden positive Zusammenhänge mit dem Einkommen, der finanziellen Lage und
der Arbeitszufriedenheit festgestellt. Wir können also festhalten:
Verschiedenste Ressourcen fördern sportliches Engagement.
Zum Thema Arbeitszufriedenheit und Sport gibt es eine Untersuchung des
Instituts für Psychologie der Universität Wien: Mit dieser Studie wurde
untersucht, ob sich regelmäßige sportliche Aktivität positiv auf die
Arbeitszufriedenheit auswirkt und ob hierbei Geschlechtsunterschiede zu
beobachten sind. Weiterhin wurde überprüft, ob Art und Ausmaß sportlicher
Aktivität einen Einfluss auf die Gesamtarbeitszufriedenheit haben. Auch der
Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Lebenszufriedenheit wurde
näher beleuchtet. Die Arbeit der Forscher brachte folgende Ergebnisse: Es
konnten Geschlechtsunterschiede bezüglich der Auswirkung des Sports auf die
Arbeitszufriedenheit festgestellt werden. Bei den weiblichen Teilnehmern
wurde kein Unterschied nachgewiesen, wohingegen die männlichen
Sporttreibenden deutlich zufriedener sind hinsichtlich ihrer
Arbeitstätigkeit, der Arbeitsbedingungen, der Organisation und Leitung,
ihrer eigenen beruflichen Entwicklung sowie mit der Arbeitszeit.
Betrachtet man sich mal eine gewisse Zeit lang die Jogger an hoch
frequentierten Laufstrecken (hier in München etwa an der Isar oder im
Englischen Park, in Hamburg beispielsweise an der Alster), so fallen über
alle LäuferInnen gemittelt augenscheinliche Unterschiede auf: Es gibt
zahlreiche verschiedene und zum Teil auch sehr eigenwillige Laufstile. Und
dennoch lässt sich zumeist schon aus großer Entfernung sagen, ob da nun ein
Mann oder eine Frau ihrem Sport nachgeht. Offensichtlich gibt es da
geschlechtsspezifische Eigenarten (die sich oftmals an der Beinhaltung am
ehesten feststellen lassen). Auch bei der Kleidung fallen Differenzen ins
Auge: Während es bei Frauen Vorsicht Klischee! gerade im Winter eher um
wärmende Laufkleidung zu gehen scheint, zeigen Männer auch bei eisigen
Temperaturen Bein; sie dokumentieren ihre Sportlichkeit stärker durch die
Kleidung und die Wahl der Schuhe.
Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Presse erfahren Frauen- und
Männersport unterschiedliche Aufmerksamkeit, sie haben eine unterschiedliche
Wertigkeit. Jahrzehntelang wurde Frauensport belächelt und noch immer gibt
es Disziplinen, in denen Frauen um Anerkennung und Aufnahme in das
Wettkampfprogramm kämpfen müssen (Stabhochsprung hat sich mittlerweile
eingebürgert, ist aber noch immer eine neue Disziplin; Boxen erfährt bis
dato keine Anerkennung). Im Erfolgsfall siehe den vor kurzem errungenen
Weltmeistertitel der deutschen Damen-Fußballnationalmannschaft werden die
Titel und Medaillen allerdings gerne genommen ("Wir haben gewonnen") und es
entschuldigen sich dann alle Kritiker für ihre vorher breitgetretenen
Vorurteile (wie es Paul Breitner bei der Bambi-Verleihung an die
Fußballerinnen devot tat). Männer treiben in ihrer eigenen Definition
"richtig" Sport. Sie schwitzen und stöhnen dabei. Es ist anstrengend und man
kann danach Heldengeschichten erzählen. Beim Frauensport wird, wenn einem so
gar nichts mehr einfällt, gerne die Ästhetik als letztes Gegenargument
herangezogen.
Wie Frauen und Männer beim Sport zusammenfinden können
An dieser Stelle nun doch noch eine persönliche Einschätzung von mir: Wenn
ich Sport (oder die betreffende Einheit) als leistungsorientiertes Training
betrachte, so muss ich mir den passenden Partner suchen oder gegebenenfalls
alleine trainieren. Wenn ich Sport aus sozialen Gründen (Geselligkeit etc.)
in der Gruppe betreibe, so ist es oberstes Gebot, sich am schwächsten Glied
zu orientieren. Nur so haben alle Beteiligten Spaß. Meines Erachtens bedarf
es unabhängig von der Sportart bei Unternehmungen mit Partnern oder
Freunden im Vorfeld klarer, verbindlicher Absprachen hinsichtlich der Dauer
und Intensität. Nur so kann jeder abschätzen, ob die Vorstellungen der
anderen mit den eigenen kompatibel sind. Ist dies gewährleistet
(Voraussetzung dafür sind natürlich nicht immer gegebene ehrliche,
realistische Einschätzungen der eigenen Leistungsfähigkeit), so sollte dem
Spaß am Sport nichts mehr im Wege stehen.
Jede Beziehung bringt Kompromisse, das Zurückstellen eigener Bedürfnisse,
mit sich. Wichtig ist, dass das in sinnvollem Maße und ausgeglichen
geschieht. So stellt sich ab und an sicherlich die Frage, ob man eine harte
Einheit allein machen möchte oder lieber eine ruhigere Einheit zur
Kommunikation nutzt, den Kontakt mit dem Partner oder Freunden pflegt. Da
gilt es, immer mal wieder zurückzustecken. Psychologisch bedeutsam ist nun
die Frage, ob ich das als Opfer sehe oder aber, ob ich den Gewinn dieses
kleinen Opfers sehe: Trainingstechnisch wirft mich mal ein Lauf mit
niedrigerem Puls nicht wirklich zurück (ganz im Gegenteil: ein Großteil
aller Läufer trainiert mit zu hohem Puls und gewährt seinem Körper nicht die
notwendigen Regenerationsphasen!), ich bekomme aber jede Menge an Kontakt
und Nähe durch ein gemeinsames Training, kann in entspannter Situation und
schöner Umgebung über neue oder Themen des Alltags sprechen.
Ein interessantes Phänomen aus der Wahrnehmungs- und Gedächtnisforschung ist
das so genannte Priming: Umgangssprachlich gesagt werden durch
gelernte/aktivierte Vorerfahrungen Assoziationen wach- und abgerufen. Das
lässt sich am einfachsten durch Beispiele erklären: Wenn sich jemand ein
rotes Auto gekauft hat, so sieht er plötzlich unzählige rote Autos. Wenn
eine Frau schwanger ist, fallen ihr im Alltag unendlich viele schwangere
Frauen oder Frauen mit Kleinkindern auf. Wenn jemand einen Gips trägt, so
entdeckt er lauter Leidensgenossen und so weiter. Durch die Aktivierung
eines bestimmten Bereiches (durch Neuigkeiten, persönliche Betroffenheit
oder Bedeutsamkeit) wird die Wahrnehmung selektiv auf eben jenen Bereich
konzentriert. Die Informationen wurden sicherlich auch schon zuvor
wahrgenommen sie fielen aber wegen mangelnder Verknüpfungen durch das
Raster.
Was hat nun das Geschilderte mit dem Thema dieses Artikels zu tun? Nun, die
Prozesse laufen in der Regel unbewusst ab. Wenn Vorurteile hinsichtlich der
sportlichen Betätigung des jeweils anderen Geschlechts bestehen, so findet
sie respektive er jederzeit Bestätigungen für diese Überzeugungen. Man
achtet einfach nicht auf gegenteilige Erfahrungen. Diesen Automatismus kann
man aber unterbrechen, die Wahrnehmung bewusst steuern. Dazu sollten Sie
Ihren Fokus gezielt auf die Ausnahme von der/Ihrer Regel richten. Lassen Sie
sich überraschen. Geben Sie anderen Sichtweisen der Welt oder kleiner: des
anderen Geschlechts eine Chance (diese Technik kann übrigens auch in allen
anderen Lebensbereichen gewinnbringend eingesetzt werden: Wenn Sie sich
beispielsweise immer als Pechvogel erleben, so notieren Sie sich mal jene
Momente, in denen Sie Glück haben, in denen Ihnen Gutes widerfährt. Sie
werden überrascht sein, wie stark so eine schriftliche Buchführung von der
eigenen Wahrnehmung abweicht und diese somit auch verändert!).
Ich kann es nicht oft genug erwähnen: Es handelt sich bei den
Charakteristika von Mann und Frau beim Sport um pauschale, allgemein
gehaltene Aussagen. Und es ist wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Wenn Sie nicht so festgefahrene Ansichten haben, so ist das nur gut. Und
doch ist bei jedem von uns ein klischeehaftes Bild des anderen Geschlechts
tief verwurzelt. Dies kann immer wieder zu Problemen und missverständlicher
Kommunikation führen. Dieser Artikel hat Ihnen dafür einige Erklärungen
geliefert und führt hoffentlich dazu, dass es in Zukunft beim Sport ob
allein oder in der Partnerschaft läuft. Das wünscht Ihnen
Oskar Handow
Webseite des Autors:
www.handow.com
Quelle:
condition
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