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Wann es bei Frauen und Männern läuft

Über zwischengeschlechtliche Differenzen beim Sport

Von Oskar Handow

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind seit Urzeiten ein stetiges und beliebtes Gesprächsthema (und das für beide Seiten). Ebenfalls seit Anbeginn der Zeit versuchen die Geschlechter einander zu verstehen. Doch ebenso lange gibt es Missverständnisse oder gar die Resignation vor dem ewigen Rätsel.

Quelle:
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Die Wissenschaft forscht intensiv zu diesem Thema (Stichwort: gender studies). In der Literatur finden sich zahllose Ratgeber, die Mann respektive Frau eine Bedienungsanleitung für das unbekannte, unverstandene Gegenüber anbieten (seit Wochen stehen die aktuellen Ratgeber von Allan & Barbara Pease etwa "Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen" oder "Warum Männer schlecht zuhören und Frauen schlecht einparken" in den Bestsellerlisten des Spiegel). Alle geben sie vor, die ganze Wahrheit über die kleinen aber feinen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu kennen. Und all diese Bemühungen tragen nur dazu bei, dass am Ende alle/viele Fragen offen bleiben. Nein, ich verspreche Ihnen nun nicht die Beantwortung all dieser Fragen, das Aufklären der Geschlechtsunterschiede. Aber ich möchte mich im Folgenden mit den Unterschieden (und den daraus entstehenden Schwierigkeiten) bei sportlicher Betätigung beschäftigen und so für etwas mehr gegenseitiges Verständnis werben:

Frauen und Sport

Wie ist nun die Frau an sich beim Sport? Da kann man(n) sich mit seinen Aussagen nur in die Nesseln setzen. Deshalb halte ich mich mit eigenen Beobachtungen zurück und trage zunächst lediglich Ergebnisse einiger Untersuchungen zusammen (in dem Bewusstsein, dass auch darin die Gefahr pauschaler Urteile lauert): Forscher haben herausgefunden, dass sich Frauen im Schnitt gesünder ernähren. Sie treiben Sport aus anderen Motiven als Männer dies tun.
Machen wir einen kurzen Exkurs und betrachten mal verschiedene Motive, die dazu führen können, dass jemand sportlich aktiv wird. Hier kann man grob a) psychologische (die Erhöhung des Selbstbewusstseins, das Bewältigen von Stress),
b) körperliche (Förderung der Gesundheit, Kontrolle/Senkung des Körpergewichts),
c) soziale (Geselligkeit, Anerkennung von anderen) und
d) leistungsorientierte (das Erreichen persönlicher Ziele, den Vergleich mit anderen)
Motive unterscheiden.

Bei Frauen steht eher der Spaß am Sport im Vordergrund (Schwitzen wird, so einschlägige Internetseiten, teilweise als unangenehme Begleiterscheinung angesehen); ihnen ist ihr Aussehen, ihre Figur wichtig. Dazu sollte ein kommunikativer Aspekt kommen. Hier wird also verstärkt aufgrund körperlicher und sozialer Motive Sport betrieben.

Männer und Sport

Wie ist der Mann an sich beim Sporttreiben? Hier verfüge ich schon über mehr Expertise, mittlerweile langjährige Erfahrung. Und dennoch können auch hier nur Aussagen getätigt werden, die lediglich für den statistischen Großteil der männlichen Bevölkerung gelten: Männer tendieren dazu, Sport als Wettkampf zu betrachten, dort schweißtropfend ihren Ehrgeiz auszuleben. Das leistungsorientierte Denken ist hier viel stärker ausgeprägt. Auch psychologische Motive (das Bewältigen von Stress) kommen beim männlichen Teil der Bevölkerung stärker zum Tragen.

Neben psychologisch interessanten Unterschieden gibt es natürlich anatomische und physiologische Merkmale, die Differenzen beim sportlichen Leistungsvermögen begründen: Herz und Lungen sind beim Mann stärker entwickelt. Somit ist das Atemvolumen größer und der Blutkreislauf arbeitet effektiver. Dazu kommt, dass das Blutvolumen pro kg Körpergewicht, die Zahl der roten Blutkörperchen, höher ist. Als Folge davon ist die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen beim Mann für seinen im Allgemeinen aufwändigeren Stoffwechsel gewährleistet. Männer haben somit auch einen höheren Nahrungsbedarf (brauchen mehr Kalorien).

Worin die gravierenden Unterschiede bestehen

Jungs treiben in der Jugend mehr Sport (im Alter von 16-24), Frauen sind zwischen 25 und 44 am aktivsten. Dass man in jungen Jahren mehr Knaben in Sportvereinen findet, hat mit überlieferter Sozialisation zu tun. In keinem Alter wird die Trennung der Geschlechter so forciert wie in der Kindheit. Hier werden die sozialen Rollen erlernt. Der (zukünftige) Mann hat stark und hart zu sein, die (zukünftige) Frau weich und häuslich. Klingt altbacken und überholt? Ist es sicherlich auch und dennoch als Rollenmodell in der Gesellschaft noch immer wirksam! Diese erziehungsbedingten Unterschiede lösen sich später auf. Dennoch gibt es noch interessante Zusammenhänge: Höherer Bildungsstand bedeutet bei Frauen mehr Aktivität (bei beiden Geschlechtern korreliert die Ausbildung positiv mit der Häufigkeit des Sporttreibens). Weiterhin gibt es einen lineareren Zusammenhang mit dem sozialem Netzwerk: Bei stärkerem Netzwerk, mehr sozialen Kontakten, steigt die Bewegung (und wohl auch wieder die Vernetzung mit anderen!). Ebenfalls wurden positive Zusammenhänge mit dem Einkommen, der finanziellen Lage und der Arbeitszufriedenheit festgestellt. Wir können also festhalten: Verschiedenste Ressourcen fördern sportliches Engagement.

Zum Thema Arbeitszufriedenheit und Sport gibt es eine Untersuchung des Instituts für Psychologie der Universität Wien: Mit dieser Studie wurde untersucht, ob sich regelmäßige sportliche Aktivität positiv auf die Arbeitszufriedenheit auswirkt und ob hierbei Geschlechtsunterschiede zu beobachten sind. Weiterhin wurde überprüft, ob Art und Ausmaß sportlicher Aktivität einen Einfluss auf die Gesamtarbeitszufriedenheit haben. Auch der Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Lebenszufriedenheit wurde näher beleuchtet. Die Arbeit der Forscher brachte folgende Ergebnisse: Es konnten Geschlechtsunterschiede bezüglich der Auswirkung des Sports auf die Arbeitszufriedenheit festgestellt werden. Bei den weiblichen Teilnehmern wurde kein Unterschied nachgewiesen, wohingegen die männlichen Sporttreibenden deutlich zufriedener sind hinsichtlich ihrer Arbeitstätigkeit, der Arbeitsbedingungen, der Organisation und Leitung, ihrer eigenen beruflichen Entwicklung sowie mit der Arbeitszeit.

Betrachtet man sich mal eine gewisse Zeit lang die Jogger an hoch frequentierten Laufstrecken (hier in München etwa an der Isar oder im Englischen Park, in Hamburg beispielsweise an der Alster), so fallen über alle LäuferInnen gemittelt augenscheinliche Unterschiede auf: Es gibt zahlreiche verschiedene und zum Teil auch sehr eigenwillige Laufstile. Und dennoch lässt sich zumeist schon aus großer Entfernung sagen, ob da nun ein Mann oder eine Frau ihrem Sport nachgeht. Offensichtlich gibt es da geschlechtsspezifische Eigenarten (die sich oftmals an der Beinhaltung am ehesten feststellen lassen). Auch bei der Kleidung fallen Differenzen ins Auge: Während es bei Frauen Vorsicht Klischee! gerade im Winter eher um wärmende Laufkleidung zu gehen scheint, zeigen Männer auch bei eisigen Temperaturen Bein; sie dokumentieren ihre Sportlichkeit stärker durch die Kleidung und die Wahl der Schuhe.

Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Presse erfahren Frauen- und Männersport unterschiedliche Aufmerksamkeit, sie haben eine unterschiedliche Wertigkeit. Jahrzehntelang wurde Frauensport belächelt und noch immer gibt es Disziplinen, in denen Frauen um Anerkennung und Aufnahme in das Wettkampfprogramm kämpfen müssen (Stabhochsprung hat sich mittlerweile eingebürgert, ist aber noch immer eine neue Disziplin; Boxen erfährt bis dato keine Anerkennung). Im Erfolgsfall siehe den vor kurzem errungenen Weltmeistertitel der deutschen Damen-Fußballnationalmannschaft werden die Titel und Medaillen allerdings gerne genommen ("Wir haben gewonnen") und es entschuldigen sich dann alle Kritiker für ihre vorher breitgetretenen Vorurteile (wie es Paul Breitner bei der Bambi-Verleihung an die Fußballerinnen devot tat). Männer treiben in ihrer eigenen Definition "richtig" Sport. Sie schwitzen und stöhnen dabei. Es ist anstrengend und man kann danach Heldengeschichten erzählen. Beim Frauensport wird, wenn einem so gar nichts mehr einfällt, gerne die Ästhetik als letztes Gegenargument herangezogen.

Wie Frauen und Männer beim Sport zusammenfinden können

An dieser Stelle nun doch noch eine persönliche Einschätzung von mir: Wenn ich Sport (oder die betreffende Einheit) als leistungsorientiertes Training betrachte, so muss ich mir den passenden Partner suchen oder gegebenenfalls alleine trainieren. Wenn ich Sport aus sozialen Gründen (Geselligkeit etc.) in der Gruppe betreibe, so ist es oberstes Gebot, sich am schwächsten Glied zu orientieren. Nur so haben alle Beteiligten Spaß. Meines Erachtens bedarf es unabhängig von der Sportart bei Unternehmungen mit Partnern oder Freunden im Vorfeld klarer, verbindlicher Absprachen hinsichtlich der Dauer und Intensität. Nur so kann jeder abschätzen, ob die Vorstellungen der anderen mit den eigenen kompatibel sind. Ist dies gewährleistet (Voraussetzung dafür sind natürlich nicht immer gegebene ehrliche, realistische Einschätzungen der eigenen Leistungsfähigkeit), so sollte dem Spaß am Sport nichts mehr im Wege stehen.

Jede Beziehung bringt Kompromisse, das Zurückstellen eigener Bedürfnisse, mit sich. Wichtig ist, dass das in sinnvollem Maße und ausgeglichen geschieht. So stellt sich ab und an sicherlich die Frage, ob man eine harte Einheit allein machen möchte oder lieber eine ruhigere Einheit zur Kommunikation nutzt, den Kontakt mit dem Partner oder Freunden pflegt. Da gilt es, immer mal wieder zurückzustecken. Psychologisch bedeutsam ist nun die Frage, ob ich das als Opfer sehe oder aber, ob ich den Gewinn dieses kleinen Opfers sehe: Trainingstechnisch wirft mich mal ein Lauf mit niedrigerem Puls nicht wirklich zurück (ganz im Gegenteil: ein Großteil aller Läufer trainiert mit zu hohem Puls und gewährt seinem Körper nicht die notwendigen Regenerationsphasen!), ich bekomme aber jede Menge an Kontakt und Nähe durch ein gemeinsames Training, kann in entspannter Situation und schöner Umgebung über neue oder Themen des Alltags sprechen.

Ein interessantes Phänomen aus der Wahrnehmungs- und Gedächtnisforschung ist das so genannte Priming: Umgangssprachlich gesagt werden durch gelernte/aktivierte Vorerfahrungen Assoziationen wach- und abgerufen. Das lässt sich am einfachsten durch Beispiele erklären: Wenn sich jemand ein rotes Auto gekauft hat, so sieht er plötzlich unzählige rote Autos. Wenn eine Frau schwanger ist, fallen ihr im Alltag unendlich viele schwangere Frauen oder Frauen mit Kleinkindern auf. Wenn jemand einen Gips trägt, so entdeckt er lauter Leidensgenossen und so weiter. Durch die Aktivierung eines bestimmten Bereiches (durch Neuigkeiten, persönliche Betroffenheit oder Bedeutsamkeit) wird die Wahrnehmung selektiv auf eben jenen Bereich konzentriert. Die Informationen wurden sicherlich auch schon zuvor wahrgenommen sie fielen aber wegen mangelnder Verknüpfungen durch das Raster.

Was hat nun das Geschilderte mit dem Thema dieses Artikels zu tun? Nun, die Prozesse laufen in der Regel unbewusst ab. Wenn Vorurteile hinsichtlich der sportlichen Betätigung des jeweils anderen Geschlechts bestehen, so findet sie respektive er jederzeit Bestätigungen für diese Überzeugungen. Man achtet einfach nicht auf gegenteilige Erfahrungen. Diesen Automatismus kann man aber unterbrechen, die Wahrnehmung bewusst steuern. Dazu sollten Sie Ihren Fokus gezielt auf die Ausnahme von der/Ihrer Regel richten. Lassen Sie sich überraschen. Geben Sie anderen Sichtweisen der Welt oder kleiner: des anderen Geschlechts eine Chance (diese Technik kann übrigens auch in allen anderen Lebensbereichen gewinnbringend eingesetzt werden: Wenn Sie sich beispielsweise immer als Pechvogel erleben, so notieren Sie sich mal jene Momente, in denen Sie Glück haben, in denen Ihnen Gutes widerfährt. Sie werden überrascht sein, wie stark so eine schriftliche Buchführung von der eigenen Wahrnehmung abweicht und diese somit auch verändert!).

Ich kann es nicht oft genug erwähnen: Es handelt sich bei den Charakteristika von Mann und Frau beim Sport um pauschale, allgemein gehaltene Aussagen. Und es ist wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn Sie nicht so festgefahrene Ansichten haben, so ist das nur gut. Und doch ist bei jedem von uns ein klischeehaftes Bild des anderen Geschlechts tief verwurzelt. Dies kann immer wieder zu Problemen und missverständlicher Kommunikation führen. Dieser Artikel hat Ihnen dafür einige Erklärungen geliefert und führt hoffentlich dazu, dass es in Zukunft beim Sport ob allein oder in der Partnerschaft läuft. Das wünscht Ihnen
Oskar Handow

Webseite des Autors:
www.handow.com

Quelle:
condition

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