In den letzten Monaten hatte ich das Laufen fast vollkommen aufgegeben, aber irgendwas brachte mich dazu, wieder etwas damit zu experimentieren. Irgendwann kam ich auf die Idee, einmal völlig anders als sonst laufen zu gehen, nämlich bei vollkommener Dunkelheit.
Ohne „High-Tech“ Ausstattung, also ohne Reflektoren, Lampe, Funktionsklamotten, usw. lief ich morgens um 6.20 Uhr los. Während der ersten 10 Minuten bewegte ich mich noch auf beleuchteten Wegen, aber kurz darauf verließ ich bebautes Gebiet und lief durch Felder und Wälder bei absoluter Dunkelheit.
Jeder Schritt war ein Schritt ins Ungewisse, jedes Geräusch, jede noch so unscharfe Silhouette, erregte meine Aufmerksamkeit. Mein Adrenalinspiegel stieg und plötzlich passierte etwas sehr, sehr Interessantes. Wenn man nicht viel sieht, verlässt man sich auf sein Gehör und wenn man sich auf sein Gehör verlässt, wird man plötzlich ganz leise.
Man läuft, ohne dabei Geräusche zu machen, rollt sanft ab, atmet leise und kontrolliert und schnaubt nicht wie ein Walross durch den Wald und auch der innere Dialog, die ganzen unnötigen Gedanken verstummen plötzlich und man ist konzentriert im Hier und Jetzt.
Je länger ich lief desto intensiver wurde die Erfahrung, ich erlebte ein völlig neues Laufgefühl, körperlich und geistig. Während ich öfters Gelenkschmerzen nach langen Läufen hatte (ein Grund, warum ich lieber Sprints, Burpees oder Swings mache), ging es mir während und nach dem Lauf sehr gut. Leises Laufen bedeutet nämlich sanftes Laufen und so reduzierte ich die Gelenkbelastung auf ein Minimum.
Nach ungefähr einer Stunde war ich wieder daheim, der Dunkelheit entkommen, aber noch vollkommen energetisiert von dieser Erfahrung, war ich den ganzen Tag über kreativ und voller Tatendrang. Das lag daran, dass mein Körper einen wunderbaren Hormoncocktail produziert hatte und mir ein hausgemachtes, legales und darüber auch noch sehr gesundes „High“ bescherte.
Einige Tage später wollte ich ausprobieren, ob ich das gleiche Ergebnis auch am Tage erreichen kann, wenn ich bewusst leise laufe und kontrolliert und möglichst geräuschlos atmete. Und eines gleich vorweg: Es hat funktioniert und zwar perfekt.
Ich ging also in den Wald, lief völlig leise los und nach wenigen Minuten verstummte der innere Dialog, ich wurde innerlich genauso leise wie ich es äußerlich schon war.
Um den Effekt zu steigern, starrte ich auf einen Punkt am Horizont oder in die Baumkronen und nach kurzer Zeit war ich in einer Art Trance. Ich spürte kaum noch meinen Körper und hätte ewig so weiter laufen können.
Als ich zuhause ankam, war ich total entspannt, hatte mehr Energie als vor dem Lauf und fühlte mich einfach positiv aufgeladen. Genau so stelle ich mir eine gute Regeneration vom intensiven Training vor. Seither laufe ich ungefähr zweimal pro Woche wieder 7-10 Kilometer, leise, konzentriert und völlig frei von Gelenkschmerzen, Langeweile oder Erschöpfung. |