Um einen Ball über 200 Meter weit zu schlagen, ist eine Kraft nötig, die ohne die Unterstützung der großen Muskeln des Körpers nicht aufgebracht werden kann. Ein großer Kraftaufwand des Körpers allein ist jedoch nichts wert, wenn dessen Impuls nicht optimal auf die Arme, den Schläger und schließlich auf den Ball übertragen wird. Hierzu muss der Einsatz von Beinen, Hüften, Schultern, Armen und Handgelenken optimal koordiniert werden.
Golf unterscheidet sich dabei nicht von einer Wurfbewegung: Beim Ausholen entsteht eine Verwringung zwischen Ober- und Unterkörper; dadurch wird die diagonal verlaufende Muskulatur vorgedehnt und sie kann sich so beim Abschwung schnell zusammenziehen.
Das Werfen eines Balles ist dem Golfschwung ähnlich. Man baut eine Spannung zwischen Ober- und Unterkörper auf und diese Spannung muss in einer ganz genauen Reihenfolge freigegeben werden.
Ausholen und Abschwung werden aus den Muskeln der Bein-, Hüft- und Bauchmuskulatur begonnen: Erst danach kommen Arme und Handgelenke ins Spiel. Schlecht getimt ist eine Bewegung, wenn man das Ausholen oder die Vorwärtsbewegung beispielsweise mit den Armen oder Händen startet. Das Ausholen beginnt mit dem so genannten One-Piece-Takeaway. Hierbei werden Hüften, Schultern, Arme und Schläger gemeinsam zurück bewegt. Die auslösende seitliche Drehbewegung des Beckens nimmt die Schultern und die Arme mit. Erst danach beginnen die Handgelenke abzuwinkeln und die Unterarme zu rotieren.
Auch erst nach dieser einleitenden Bewegung verwringen sich die Schultern gegen die Hüften. Dabei ist die seitliche Bewegung des Oberkörpers im zweiten Teil des Ausholens etwa doppelt so groß wie die des Beckens beim Wegnehmen. Meist übertrieben wird der Armschwung, weil man dabei das trügerische Gefühl hat, sich besonders viel Schwung zu holen. Aus einer vollen Schulterdrehung mit viel Handgelenkwinkel kann man jedoch erheblich mehr Kraft schöpfen. Auch der Abschwung beginnt von unten: Noch bevor der höchste Punkt mit dem Schläger erreicht wird, verschiebt sich das Becken über den Druck des rechten Fußes in Richtung Ziel. Dann wird dieser Impuls auf den Schultergürtel übertragen und die Schultern geben ihn an den linken Arm weiter.
Dieses Diagramm illustriert Timing anhand der Geschwindigkeit der Hüften, Schultern, Arme und der des Schlägers.
Dabei nimmt die Geschwindigkeit des jeweiligen Körperteils kurz vor der »Energieübergabe« an den nächsten Körperteil ab (siehe Diagramm) Sollte sich ein Glied nicht rechtzeitig verlangsamen, kann der Impuls nicht optimal auf das nächste übergehen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn der Golfer versucht, den Winkel zwischen linkem Arm und Schläger so lange wie möglich zu halten oder, wenn er versucht, die Hände konstant bis zum Ball zu beschleunigen. Wichtig ist auch, dass kein Glied in der Kette muskulär zu schwach ist. Nun wurde in der Vergangenheit häufig folgender Fehler gemacht: Die oben beschriebenen Zusammenhänge sind so offensichtlich richtig und bei anderen Wurfbewegungen von so fundamentaler Bedeutung, dass manche Sportwissenschaftler die anderen Komponenten beim Golf oft vernachlässigten. Wer beispielsweise eine offene Schlagfläche hat, der will seinen Schwung gar nicht perfekt timen. Um nicht jeden Ball zu slicen, wird ein Spieler mit offener Schlagfläche intuitiv versuchen, früh zu schlagen und damit beschleunigt das letzte Glied der Kraftkette als erstes. Das Gleiche gilt für Golfer, die nicht auf der richtigen Ebene in den Ball kommen: Wer seinen Schläger steil von außen an den Ball bringt, muss einem schmerzhaften Aufprall vorbeugen und den Eintreffwinkel dadurch abflachen, dass er die Hände im Treffmoment hinter den Ball bringt. Das geht natürlich auch nur, indem er die Impulskette gleichsam von hinten aufzieht. Bei der Beobachtung eines solchen Golfers ist das verkehrte Timing offensichtlich. Trotzdem würde es ihm nicht helfen, dahingehend korrigiert zu werden. Erst wenn Schlagfläche und Ebene gerade Bälle oder sogar Hooks ermöglichen, kann man effektiv am Timing arbeiten.
In der nächsten Folge dieser Artikelserie werden dann Übungen beschrieben, wie man das richtige Timing systematisch erlernen kann.
Über den Autor:
Oliver Heuler ist Golflehrer im Golfclub
Fleesensee und betreibt das größte deutsche Golfforum im Internet.
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