Diabetes ist eine schleichende Krankheit mit einer hohen Dunkelziffer, die mittlerweile nicht nur ältere Menschen trifft. 20 bis 30 Prozent der Typ-2-Diabetiker sind über 60, aber Deutschland nähert sich mit Riesenschritten den USA und Kanada, wo schon die Hälfte aller Typ-2-Diabetiker Jugendliche sind. „Das Problem Diabetes ist eskaliert“, so Prof. Dr. Rüdiger Landgraf, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) auf einer Pressekonferenz anläßlich des Weltdiabetestag in München. "Diabetes ist keine Alterskrankheit mehr, sie trifft die gesamte Spanne der Bevölkerung."
Wie dramatisch die Entwicklung verläuft, zeigen Zahlen, die auf einer Tagung der DDG Anfang Januar dieses Jahres in Dresden veröffentlicht wurden. Demnach hat sich die Zahl der an Altersdiabetes (Diabetes 2) erkrankten Patienten in Deutschland in den vergangenen 13 Jahren von vier auf acht Millionen verdoppelt. „Bis 2013 wird ein Anstieg auf 14 Millionen Menschen prognostiziert“, so Dr. Peter Schwarz vom Bereich Endokrinopathien und Stoffwechselkrankheiten der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden. In seinem Beitrag verwies der Sprecher des nationalen Präventionsprogramms der DDG auf eine der Hauptursachen neben erblicher Veranlagung: "Die Deutschen essen zu viel, unter anderem zu viel Fast Food."
Das Problem: Zunächst verursacht der sogenannte Alterszucker keine Beschwerden, denn die durch falsche Lebensgewohnheiten erworbene Insulinresistenz entwickelt sich langsam, fast unmerklich. Die "unerkannten" Diabetiker jedoch riskieren ernsthafte Folgeerkrankungen wie Diabetischer Fuß, Augenschäden (Retinopathie), Schlaganfall, Schädigung der Niere, diabetische Neuropathie – sogar Depressionen und Impotenz können die Folge eines dauerhaft erhöhten Blutzuckerwertes sein.
Zudem leiden Typ-2-Diabetiker aufgrund des häufig vorliegenden Übergewichtes oft an Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen (erhöhte Cholesterolwerte), so dass das Risiko eines Herzinfarktes deutlich erhöht ist. Im Durchschnitt erleiden in Deutschland Tag für Tag 74 Typ-2-Diabetiker einen Herzinfarkt.
"Diabtes-Check up" – auch für Sportliche
Mit dem Trend, dass mit steigender Anzahl Übergewichtiger auch die Anzahl an Kindern und Jugendlichen wächst, die bereits von „Altersdiabetes“ betroffen sind, erfordert bereits in einem sehr frühen Altersbereich Vorkehrungen zu treffen. Da diese schleichende Krankheit erst relativ spät an Folgeerscheinungen spürbar ist, fordern Diabetesexperten, sich mindestens ab einem Alter von 35 Jahren regelmäßig einem "Diabetes-Check up" zu unterziehen.
Als erste Anhaltspunkte für einen vorliegenden Diabetes dienen der sogenannte Nüchtern-Blutzucker sowie der Glucosenachweis im Urin. Auch als gesunder und sportlich aktiver Mensch sollten Sie Ihren Blutzuckerspiegel regelmäßig messen lassen, vor allem dann, wenn Diabetes in der Verwandtschaft vorkommt und die Gefahr einer erblichen Veranlagung vorliegt. Bei Verdacht auf Diabetes ist zudem der „orale Glucose-Toleranztest“ sowie die Bestimmung des HbA1-Wertes (s. Kasten 1) sinnvoll. Bei nicht therapierten Diabetikern ist der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht. Ursache hierfür ist entweder ein absoluter Insulinmangel (Typ-1-Diabetes) oder eine erworbene Insulinresistenz der Körperzellen (Typ 2).
Bei Übergewichtigen (Richtwert: BMI über 25 kg/m2) gerät nicht nur der Fett- sondern auch der Kohlenhydratstoffwechsel aus den Fugen. Normalerweise schüttet die Bauchspeicheldrüse nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten Insulin aus. Dieses Hormon ermöglicht die Aufnahme von Glucose – dem Einfachzucker, zu dem alle Kohlenhydrate der Nahrung abgebaut werden – in die Zellen. Diese besitzen einen speziellen Rezeptor, der sensitiv auf Insulin reagiert. Bei ständig erhöhtem Blutzucker lässt die Sensitivität der Insulinrezeptoren nach – was die Bauchspeicheldrüse zunächst mit einer vermehrten Insulinproduktion zu kompensieren versucht.
Zu diesem Zeitpunkt können (und müssen) Betroffene aktiv ins Geschehen eingreifen, indem sie ihre Ernährung so zusammenstellen, dass der Blutzucker möglichst wenig ansteigt. Dieser Umstellungsprozess wird von nun an das gesamte weitere Leben prägen. Dazu sollten vorrangig Lebensmittel mit einem niedrigen Glykämischen Index (siehe auch die Grafik oben) verzehrt werden. Denn: Irgendwann ist auch bei Typ-2-Diabetikern, sofern sie ihre Ernährung nicht rechtzeitig umstellen und bei vorhandenem Übergewicht dieses abbauen, der Körper nicht mehr in der Lage, (ausreichend) Insulin zu produzieren.
Tabelle: Glykämischer Index (GLYX) ausgesuchter Lebensmittel
Trainingsplan und Speiseplan
Auch Freizeiläuferinnen und -läufer sind gut beraten, nicht allein nur ihr Augenmerk auf den Trainingsplan zu legen. Ein vernünftiger Speiseplan gehört ebenso zu einem gesunden Leben. In der Folge einige Ratschläge zur Diabetis-Vorbeugung:
– Kohlenhydrate (Einfach- und Mehrfachzucker) sollten ca. 55-60 Prozent der Gesamtenergie in Ihrer Ernährung ausmachen, Hier sind vor allem die komplexen Kohlenhydrate (Kasten 2) – wie sie in dunklem Brot, Reis, Pasta oder Kartoffeln enthalten sind – zu bevorzugen. Einfachzucker in Form von Süßwaren, Haushaltszucker, Honig und gesüßten Getränken sollten nur gelegentlich aufgenommen werden.
– Zucker und süße Speisen nach Möglichkeit in Verbindung mit Ballaststoffen verzehren. Ballaststoffe bewirken, dass der Zucker nur langsam ans Blut abgegeben wird. Ballaststoffreiches Vollkornbrot mit Honig lässt den Blutzucker wesentlich langsamer ansteigen als ein Weißbrot mit dem gleichen Belag.
– Zuckergehalt bei allen industriell verarbeiteten Produkten beachten. Stehen Zucker, Traubenzucker oder Glucosesirup weit vorn auf der Zutatenliste, so enthält das Produkt sehr viel Zucker!
– Erhöhen Sie Ihre Ballaststoffzufuhr auf mindestens 30 g pro Tag. Durch Verzehr von Vollkornprodukten (anstelle hochverarbeiteter Lebensmittel), reichlich Gemüse sowie ungezuckertes Trockenobst und Ölsaaten (Lein-, Sesamsaat, Sonnenblumenkerne) oder Kleie lässt sich dies recht einfach realisieren.
– Meiden Sie zuckerreiche Getränke wie Limonaden, Cola oder Fruchtsaftgetränke. Sie eignen sich nicht zum Durstlöschen, da sie den Blutzuckerspiegel sehr rasch ansteigen lassen.
– Getreideprodukte (Nudeln, Brot, Müsli) auf Vollkornbasis sowie Salz- oder Pellkartoffeln eignen sich für Diabetiker eher als Kohlenhydratlieferanten als Weißmehlprodukte, fettreiche Kartoffelzubereitungen (Bratkartoffeln, Rösti, Chips, Pommes frites, Kroketten) oder gezuckerte Müslimischungen („Knusper-Flakes“).
– Fettarm ernähren: maximal 35 Prozent der Gesamtenergie sollten aus Fetten stammen. Dies gelingt am einfachsten, wenn Sie den Konsum von Streichfetten sowie Fleisch und Wurst deutlich reduzieren bzw. mageren Sorten den Vorzug geben.
– Beim Käse auf den Fettgehalt achten: geeignet sind Milch- und Joghurtprodukte mit max. 1,5 Prozent Fett oder Schnittkäse mit max. 30 Prozent Fett i.Tr. Ideal sind Sauermilchkäse („Harzer“), Schicht- oder Hüttenkäse sowie fettreduzierte Schnittkäsesorten (Litedamer, Camembert, Romadur). Meiden Sie vollfette Käsesorten wie Gouda, Leerdamer, Harvarti und Weichkäse wie Rahmcamembert, Roquefort, Mascarpone etc.
– Öfter Hülsenfrüchte auf den Tisch bringen: Bohnen, Linsen, Erbsen und Co sind in der Regel sehr fettarm, kohlenhydratreich und enthalten reichlich Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und pflanzliches Eiweiß.
– Den Eiweißanteil in der Nahrung reduzieren: Zuviel Nahrungseiweiß verstärkt das ohnehin erhöhte Risiko einer Nierenerkrankung. Zuviel Protein regt die Neubildung von Glucose in der Leber an, so dass 6-8 Stunden nach einer eiweißreichen Mahlzeit erhöhte Blutzuckerwerte auftreten. Insbe-sondere tierisches Eiweiß sollte gemieden werden, da auch gichtfördernde Purine aus Fleisch oder Fisch die Niere belasten.
– Ausreichend trinken: mind. 1,5 bis 2 l zuckerarmer Getränke (am besten Mineralwasser oder Früchte-/ Kräutertees) sind notwendig, um die Nierenfunktion zu unterstützen.
– Bei einem Body-Mass-Index von über 25 kg/m2 sollte das Körpergewicht reduziert werde.
– In der Läufergemeinde hieße das nun Folgende Eulen nach Athen tragen, aber es sei dennoch der Vollständigkeit halber erwähnt: Treiben Sie regelmäßig Sport. Vor allem Ausdauersport ist als präventive Maßnahme gegen Diabetes und andere Erscheinung der Zivilisationskrankheit „Metabolisches Syndrom“ ideal.
– Auf Symptome achten, die Anzeichen für Diabetes sein können: starker Durst über längeren Zeitraum, vermehrtes Wasserlassen, Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Juckreiz!
Oraler Glukose-Toleranz-Test (oGTT)
Beim oGTT werden dem Patienten morgens auf nüchternen Magen nach Bestimmung des Nüchternblutzuckers 75 g Glucose in einem Getränk verabreicht und der Blutzucker 1 sowie 2 Stunden danach erneut bestimmt, um zu sehen, wie schnell der Körper den Zucker abbauen kann. Mit Hilfe des oGTT können eine gestörte Glukosetoleranz sowie Diabetes mellitus erkannt werden.
Glykosilierte Hämoglobine (HbA1)
Hämoglobin (Hb) ist der rote Farbstoff der Blutkörperchen (Erythrozyten) und dient dem Sauerstofftransport im Blut. Ist Traubenzucker (Glucose) im Blut vorhanden, geht er mit dem Hämo-globin eine feste und unlösliche Verbindung ein. Dieses "verzuckerte" Hb nennt man HbA1. Bei jedem weiteren Anstieg des Blutzuckerspiegels im Blut nimmt auch der prozentuale Anteil des verzuckerten Hämoglobins am Gesamt-Hämoglobin des Körpers zu. Daraus kann man ablesen, wie hoch die durchschnittliche Blutzuckerkonzentration während der letzten acht Wochen bzw. zwei Monate war ("Blutzuckergedächtnis").
Kohlenhydrate
Kohlenhydrate sind chemische Verbindungen aus Kohlenstoff mit Wasserstoff und Sauerstoff. Aus sechs Kohlenstoffatomen aufgebaute Kohlenhydrate, ringförmig angeordnet, kommen am häufigsten vor. Liegt ein solcher Ring einzeln (= mono-) vor, spricht man von Einfachzucker (Monosaccharid) (vom griechischen saccharum = Zucker). Wenn viele (griech.: poly-) dieser Ringe in einer Kette vorliegen, spricht man von Polysacchariden oder komplexen Kohlenhydraten. Bei der Verdauung werden die Mehrfachzucker durch Enzyme im Speichel und Dünndarm in kleine Bruchstücke aufgespalten, bis Einfachzucker – vor allem Traubenzucker (Glucose) – vorliegt. Diese werden über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen und dienen als Energiequelle für die Körperzellen.
Je größer die Kohlenhydratketten, umso langsamer ist der Abbau in Glucose und damit der Anstieg des Blutzuckerspiegels.
Für die Aufnahme von Glucose in die Körperzellen ist Insulin notwendig. Fehlt – wie bei Diabetes – Insulin, steigt nach Glucoseaufnahme der Blutzucker stark.
Schon mit 30 Minuten Sport pro Woche lässt sich der Typ-2-Diabetes positiv beeinflussen:
- Bewegung steigert die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen.
- Bewegung senkt den Blutzucker: Die für den Sport benötigte Energie wird in Form von Glucose bereitgestellt.
- Durch die verbesserte Insulinempfindlichkeit sowie den erhöhten Verbrauch von Glucose (s. 1. und 2.) kann der Tablettenverbrauch gesenkt werden.
- Durch Sport wird Muskulatur aufgebaut – und diese verbraucht auch in Ruhe mehr Energie (Glucose) als Fettgewebe.
- Sport hilft, vorhandenes Übergewicht abzubauen.
- Ausdauersport senkt die Blutfettwerte, die ebenso wie Diabetes als Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen gelten.
Quelle:
LAUFZEIT
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