Leseprobe aus Projekt XXL- oder wie wird man 40 Kilo los?
15. Juli
Als Absolventin einer berufsbildenden Handelsakademie sollten mich früher oder später die ökonomischen Gesichtspunkte meines Leitmotivs beschäftigen. Stellen wir heute also folgende Frage in den Mittelpunkt meiner Überlegungen: "Was würde der Wegfall der Adipositas für unsere Volkswirtschaft bedeuten?"
Laut Medienberichten leiden ca. 40 Prozent der deutschen Bevölkerung unter Fettsucht. Na bravo! Fünfzehn Milliarden Euro werden jährlich dafür aufgewendet, dieser weit verbreiteten Erkrankung Herr zu werden und die weitere Ausbreitung einzudämmen. Ein gigantischer Wirtschaftszweig lebt von den Nöten der solcherart Erkrankten und ernährt zugleich einen riesigen Troß an Personal. Mancher schwerreiche Industriekonzern wäre dem Tod geweiht, würde o.a. Fall eintreten und sämtliche Einwohner der westlichen Welt über Nacht zu Dürrlingen verkümmern lassen. Die Branche würde aus einer Wunde bluten, deren Heilung so gut wie ausgeschlossen wäre. Apotheken wären gezwungen, das gesamte Diätsortiment aufzulösen, das komplette Netzwerk an Abspeckfarmen würde zusammenfallen wie ein Kartenhaus, Fitnessstudios würden dezimiert, Ernährungsberater könnten ihren Job an den Nagel hängen, Scharlatane und Wunderheiler ebenso. Die Bekleidungsindustrie müßte die Herstellung von Übergrößen einstellen, Tonnen von Light-Produkten würden aus den Regalen der Supermärkte, themenbezogene Literatur - selbst mein Buch - aus den Regalen der Buchhändler verschwinden, Frauenzeitschriften müssten auf die teils eigenwilligen Diätvorschläge verzichten und zahlreiche Kolumnen streichen. Fernsehanstalten wären gezwungen, publikumswirksame Reportagen über Mollige abzusetzen und nach neuen Quotenträgern zu suchen, der "Dicke" als Werbeträger für Slim-Nahrung hätte ausgedient, Chirurgen könnten sich auf Wichtigeres als auf Fettabsaugung und Magenverkleinerungen spezialisieren, alteingesessene Unternehmen a` la "Weight-Watchers" oder "Figurella" müssten für ewig die Pforten schließen.
Die ganze Sparte würde - zynisch betrachtet - "verhungern", einem Multimilliardenapparat drohte der Kollaps. Was für Aussichten! Doch abgesehen von all diesen arbeitsplatzvernichtenden Beispielen, steht dem ganzen Szenarium ein nicht zu unterschätzender konjunktureller Faktor gegenüber: Dem Staatshaushalt würden jene Mittel verbleiben, die derzeit für Diagnose und Therapie von Übergewichtigen und Fettleibigen ausgegeben werden. Was läge da näher, als diese Gelder dem Steuerzahler zu belassen? Was im Ernstfall allerdings erst zu beweisen wäre, denn Sicherheiten gibt es dafür nie. Dem Erfindungsreichtum des Fiskus, immer neue monetäre Beute zu machen, sind erfahrungsgemäß keine Grenzen gesetzt! Soweit mein heutiger Exkurs in die kommerzielle Vermarktung der Adipositas.
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