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Stationen unseres Verdauungssystems

Eine Reise durch Magen und Darm

von Dr. Wolfgang Schillings

Stellen Sie sich vor, Sie beißen in ein frisch belegtes Brot oder in einen knackigen roten Apfel. Läuft Ihnen schon das Wasser im Mund zusammen? Nun wechseln Sie einmal die Perspektive und versuchen, sich in den Apfel oder das Brot hineinzuversetzen. Das fällt Ihnen nicht so leicht? Dann begleiten Sie uns doch einfach auf der spannenden Reise eines gerade aufgenommenen Leckerbissens durch den menschlichen Körper und lernen die zahlreichen Stationen unseres Verdauungssystems kennen.

Eigentlich beginnt der Prozess der Verdauung schon vor dem ersten Bissen. Da unser Auge – und auch die Nase – ja bekanntlich mitessen, bekommen wir schon Appetit, wenn wir in der Nähe etwas Leckeres entdecken oder erschnüffeln. Dieser Prozess spielt sich in unserem Appetit- und Hungerzentrum im Gehirn ab, im so genannten Hypothalamus. Nun kommt der Verdauungsapparat ins Rollen und unsere Speicheldrüsen im Mund erhalten den Befehl: „Wasser marsch!“ Beißt man nun endlich hinein in das Objekt der Begierde, nehmen wir durch die Zunge und die Nase dessen Geschmack wahr. Zunächst zerkleinern wir die Bissen mit Hilfe unseres Kauwerkzeugs, wodurch die Oberfläche der Nahrung vergrößert wird. Dazu mischt sich nun der freigesetzte Speichel, der auch schon Enzyme wie zum Beispiel Amylase enthält. Dadurch kommt es schon im Mund teilweise zur Verdauung. Schluckt man den so entstandenen Speisebrei hinunter, gelangt er durch die Aktivität zahlreicher Muskeln an der Innenseite der Speiseröhre in den Magen. Übrigens sind die Muskeln der Speiseröhre so kräftig, dass man sogar noch im Kopfstand etwas runter- beziehungsweise hochschlucken könnte.

Verdauung auf dem Tennisplatz
Im Magen angekommen, wird’s dann ganz schön ungemütlich für die Speisebrocken, denn hier wartet schon die Salzsäure, die jetzt chemisch erledigt, was im Mund mechanisch noch nicht geschafft wurde. Die Muskeln der Magenwand arbeiten wie ein Mixer, spezielle Enzyme (Pepsine) zerlegen die Eiweiße, so dass der gesamte Mageninhalt am Ende ziemlich dünnflüssig ist. Durch den Magenpförtner geht es schließlich – je nach Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung – nach ungefähr drei Stunden weiter in den Zwölffingerdarm (Bulbus duodeni), wo sich zu dem ganzen Brei ein zuvor in der Gallenblase gespeichertes Sekret hinzugesellt. Die Gallenflüssigkeit sorgt zusammen mit den ebenso hier ankommenden Lipasen aus der Bauchspeicheldrüse für die Fettverdauung. Aus der Bauchspeicheldrüse gelangen auch Enzyme zur Kohlenhydrat- und Proteinverdauung in den Zwölffingerdarm. Dieser hat übrigens daher seinen ungewöhnlichen Namen, weil er ungefähr so lang ist wie zwölf Finger seines Besitzers breit sind. Auf den Zwölffingerdarm folgt der Leer- und Krummdarm, der Beginn des bis zu sieben Meter(!) langen Dünndarms, wo der Großteil der Verdauungs- und Resorptionstätigkeit des Organismus geschieht. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss eine möglichst große Fläche her, wo dieser rege Austausch stattfinden kann. Deshalb hat die Natur den Dünndarm mit massenhaft kleinen Ausstülpungen versehen, den so genannten Zotten. Zusammen mit der zusätzlichen Oberflächenvergrößerung durch den Bürstensaum, den unzähligen so genannten Mikrovilli, entspricht die Gesamtoberfläche für den Stoffaustausch des Dünndarms etwa der Größe eines Tennisplatzes.

Grenzwächter-Organ
Der Bürstensaum auf unserem Dünndarm-Tennisplatz nimmt die Hauptbestandteile unserer Ernährung (Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette) auf. Die kurzkettigen Eiweißstücke werden in die so genannten Epithelzellen transportiert und dort in einzelne Aminosäuren aufgegliedert. Die Kohlenhydrate werden im Dünndarm durch Enzyme wie zum Beispiel der Alpha-Amylase zu Einfachzuckern gespalten und dann, genau wie die schon durch die Lipasen und den Gallensaft zerkleinerten Fette, in die Zellen des Bürstensaums transportiert. Die nun in kleinste Bestandteile aufgespaltene Nahrung – Aminosäuren, Einzelzucker und die jetzt als so genannte Chylomikronen neu verpackten Fetttröpfchen – verteilt sich von hier aus über die Blut- und Lymphgefäße im gesamten Körper. Sie gelangt schließlich zu den verschiedenen Körperzellen, denen sie Energie liefert beziehungsweise wo sie gespeichert wird.

Natürlich darf sich aber nicht jedes Stöffchen unkontrolliert ausbreiten, daher führt der Weg zunächst für alle Neuankömmlinge zur Passkontrolle an der „Grenzstation Leber“. Hier wird die neu eingetroffene Ware erst einmal gecheckt und gegebenenfalls um- oder abgebaut. In der Leber werden zum Beispiel auch Gifte neutralisiert, die zusammen mit anderem Stoffwechsel-Müll durch unser Ausscheidungsorgan, die Nieren, über den Urin den Körper wieder verlassen.

Lästiger Wurm
Alle Bestandteile der Nahrung, die den langen Weg durch den Dünndarm unversehrt überstanden haben, gelangen nach einiger Zeit vor die Ausgangstür des Dünndarms, die Bauhin-Klappe (Ileozökalklappe). Hier hängt auch der Blinddarm mit dem immer wieder Ärger machenden und bei vielen Menschen deshalb auch herausoperierten Wurmfortsatz. Der hinter der Ileozökalklappe beginnende Dickdarm ist – der Name verrät es schon – dicker als der Dünndarm und entzieht dem ankommenden Brei Wasser, wodurch dieser wieder eingedickt wird. Auch vom Körper nicht verwertbare Nährstoffe werden den Nahrungsresten entzogen und mittels Billionen von Mikroorganismen, welche die Darmflora bilden, in den Ausbuchtungen (Haustren) des Dickdarms zerlegt. Dabei entstehen übrigens auch die mit Methan und anderen Fäulnis- und Gärungsgasen angereicherten Winde, die mal mehr und mal weniger gewollt den Weg an die bis dahin noch frische Atemluft finden. Der etwas gewichtigere Restmüll der Verdauung – die tägliche Stuhlmenge von 100 bis 200 Gramm besteht zu drei Vierteln aus Wasser, die bräunliche Farbe entsteht durch Gallenfarbstoffe – macht uns durch eine Wandspannung an der Ampulla recti des Mastdarms deutlich, dass es Zeit zur Entleerung ist. Die unverdaulichen Fasern, Bakterien und Bakterienleichen verlassen schließlich durch den After (Anus), der zum Glück mit einem willkürlich steuerbaren Schließmuskel ausgestattet ist, nach ungefähr 35 Stunden unseren Körper. Für sie geht eine lange Reise zu Ende – für die im Körper verbliebenen Nährstoffe allerdings noch lange nicht.

MAGEN-VERWEILDAUER VERSCHIEDENER SPEISEN

  • 1 – 2 Stunden Wasser, Kaffee, Tee, Kakao, fettarme Fleischbrühe, Bier, weiche Eier, gekochter Reis, Süßwasserfische (gekocht)
  • 2 – 3 Stunden gekochte Milch, Kaffee mit Sahne, Kakao mit Milch, Kartoffeln, Kartoffelbrei, zartes Gemüse, Obst, Weißbrot, rohe Eier, gekochte Eier (drei Minuten), Seefisch, Kalb
  • 3 – 4 Stunden Schwarzbrot, Vollkornbrot, Bratkartoffeln, Kohlrabi, Karotten, Radieschen, Spinat, Äpfel, gegrilltes Fleisch, Schinken, Huhn (gekocht), Rührei, Omelette
  • 4 – 5 Stunden Hülsenfrüchte, Geflügel (gebraten), Wild, Rauchfleisch, Rind (gebraten), Gurkensalat, in Fett Gebackenes
  • 6 – 7 Stunden Speck, Heringssalat, Pilze, Thunfisch in Öl
  • 7 – 8 Stunden Gänsebraten, Ölsardinen, fettes Fleisch (beispielsweise Schweinshaxe), Grünkohl
    (nach Donath/Schüler)

GESETZMÄßIGKEITEN FÜR DIE MAGENENTLEERUNG

  1. Je weniger die Nahrung beim Kauen zerkleinert wird, desto länger bleibt sie im Magen liegen.
  2. Je fetter die Nahrung, desto länger ist die Magenverweildauer.
  3. Tierische Nahrungsmittel verbleiben im Allgemeinen länger im Magen als pflanzliche, aber:
  4. Nahrungsmittel mit schwerverdaulicher Grundsubstanz bleiben länger im Magen (beispielsweise Gurkensalat).
  5. Konzentrierte Süßspeisen (Zucker, Schokolade) verzögern die Magenentleerung. Bei isotonen Lösungen (beispielsweise fünfprozentige Glukoselösung) entleert sich der Magen am schnellsten.
  6. Sehr kalte und sehr heiße Getränke oder Speisen bleiben länger im Magen als körperwarme.
  7. Der Magenausgang ist nach rechts vorn gerichtet. Daher entleert sich der Magen am schnellsten, wenn man nach dem Essen auf der rechten Körperseite liegt.
    (aus P. Konopka, „Sporternährung“)

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